Rocky Balboa

Rocky Balboa (Rocky Balboa)
USA 2006

Regie/Buch: Sylvester Stallone; Kamera: J. Clark Mathis
Darsteller: Sylvester Stallone (Rocky Balboa), Burt Young (Paulie), Geraldine Hughes (Marie), Antonia Tarver (Mason Dixon), Milo Ventimiglia (Rockys Sohn), Tony Burton (Duke)
Länge: 102 Minuten

Ein Rocky-Fan war ich noch nie, um es mal gleich voraus zu schicken. Die Kämpfe aus “Wie ein wilder Stier” waren schöner und härter, die Underdog-Storyline sehr amerikanisch.
Deswegen hatte ich auch von “Rocky Balboa” noch nichts gehört. Ich dachte dem Titel nach, es wäre ein (überflüssiges) Remake des ersten Teiles mit neuen Gesichtern und Stallone höchstens in einem Cameo-Auftritt. Wollte ich nicht sehen. Dann sah ich vor vier Tagen den Trailer. Das schaute ganz witzig aus, aber natürlich anspruchslos und vor allem waren gerade “Rocky 4” und “Rocky 5” keine besonderen Glanzlichter des Films gewesen.
Ohne jede Erwartung ging ich in den Film. So sollte es ja eigentlich sein.

Das Kino in der Vorpremiere sprach dabei Bände. Hier ist man in einem Männerfilm. Frauen fanden sich unter den Gästen wenige – und dann nur in Begleitung. Beim Titelvorspann gab es eine Nahaufnahme des Mondes zu sehen, dann wackelte die Kamera, kurz vor dem Schnitt ein Reißschwenk nach unten. Es folgten unspektakuläre Straßenbilder bei Nacht.

Rocky ist Besitzer eines italienischen Restaurants, seine Frau verstorben, sein Sohn entfremdet. Rocky trauert am Todestag von Adrian, fährt zusammen mit Paulie eine Tour mit wichtigen Stationen ihres Lebens ab. Derweil ist der derzeitige Box -Champion Mason Dixon ebenfalls schlecht drauf. Er ist unbeliebt und hat nach Aussagen aller noch keinen richtigen Fight gekämpft, weil alle Gegner Fallobst waren. Doch eine Computersimulation eines TV-Senders, ein fiktiver Kampf Rocky früher gegen Mason heute endet mit einem Sieg für Rocky.
Rocky verspürt wieder Lust zu Kämpfen und Dixons Management spürt die Chance auf einen Imagegewinn und gutes Geld.

“Rocky Balboa” steht konsequent zu seinem Vorspann. Es gibt hier keine geleckten Bilder. Kameramann Clark Mathis hat hier konsequent Mut bewiesen und auf realistische Fotografie Wert gelegt. Kamerafahrten sucht man vergebens. Es dominiert die Handkamera mit ihren (leider manchmal extra) wackeligen, lebendigen Bildern. Aber genau dies passt zum Tonus des Films. Wer hier Fun-Action und Haudrauf-Parolen erwartet, wird sicherlich enttäuscht.
“Rocky 3” und “Rocky 4” sind hier vergessen. Bis auf einen kurzen Fight von Mason Dixon und der Simulation bleibt es kampfarm bis zum Finale. Actionfans sind hier sicher etwas überfordert mit Rockys Problemen. Aber Stallone beweist ebenfalls Mut, indem er Rocky als den naiven Charakter darstellt und schreibt, der er ist. Rocky erzählt den Gästen seines Lokals immer die selben Boxgeschichten , stammelt manchmal etwas einfältig vor sich hin und macht auch sonst einen eher zwiespältigen Eindruck.

Ein gebrochener Held also teilweise, doch Stallone reagiert in den meisten Momenten auf den Pathos mit Witz, mag der auch oft subtil sein. So besteht z.B. das Küchenpersonal seines italienischen Restaurant aus Mexikanern und Asiaten. Auch hier bleibt man im Realismus verhaftet.

Mehr als die erste Hälfte des Filmes bietet allerdings die Problembehandlung um Vater, Sohn, verstorbene Mutter, eventuelle neue Freundin und deren Sohn und einige andere Themen. Das ist alles nett gemacht und sicherlich als einzelnes immer wieder richtig und interessant. Aber diese ganze Masse davon sind ein Hauch zuviel. Die Handlung hier ist nicht wirklich zäh oder langweilig – man hätte hier allethalben etwas straffen mögen, damit die Gespräche nicht zu ausufernd werden.

Doch dann trumpft der Film da auf, wo ich es wenigsten erwartet hätte. Bei den Fights.

Dem geht natürlich das Training voraus, doch dies fällt ausgesprochen kurz aus. Wie aus heiterem Himmel ist auch Duke da, der Trainer, der seinen Gegner A. Creek in “Rocky” und “Rock 2” trainierte. Und dann legt Rocky los und langsam lösen sich die Muskeln.

Kaum ist die Trainings-Montage-Schnitt-Sequenz zu Ende rückt auch schon der Hauptkampf an. Das ging wirklich etwas schnell. Auch daß Rocky keinen Trainingskampf ausgefochten hat fand ich hier nicht besonders glaubhaft – Einprügeln auf Rinderhälften ist ja kein Garant für einen Boxsieg.

Aus Kostengründen haben sich die Filmemacher einen richtigen HBO-Kampf als Kulisse auserkoren. Dort drehte man den Eingang der Gegner vor dem riesigen Anwesenden Publikum (kurz vor dem richtigen Kampf), Publikumsbilder und einige andere Szenen. Die Masse schreit “Rocky! Rocky!”, angeblich lauter, als bei dem folgenden echten Kampf im Ring.
Die gleiche Halle hatte man auch für die sechs Tage, die es dauerte, den Kampf zu drehen.

Wenn Rocky und Dixon in den Ring steigen, dann hat man wirklich das Gefühl, es steigen zwei Boxer live in den Ring und das ganze wird im Fernsehen (respektive Kino) übertragen. Auch hier bewiesen Stallone und Mathis Mut, den Kampf so aufzulösen, wie einen Fernsehkampf inkl. der Original-Moderatoren.

Kein stilisiertes Kämpfen wie bei anderen Filmen, keine Filmauflösung. Man ist hier mittendrin. Achssprünge der Kamera – wen interessiert´s? Fight, Action, wer gewinnt? Das sind die Fragen . Mathis schert sich um keine Regel und das ist gut so. Dieser Mut zahlt sich mit einem der besten Boxkampfszenen aus, die ich in der letzten Zeit gesehen habe. Man ist wirklich dabei, mitten im Kampf, das Adrenalin pumpt, man fiebert mit.

Die realistische TV-Imitation macht hier vieles aus. Konsequent geht man hier diesen Weg. Es sind Broadcast-Kameras im Bild zu sehen und auch sonst läuft es wie live ab. Natürlich dynamisch geschnitten und mit klareren Takes. Auch die Kampfpausen werden ausgehalten, das Publikum schreit, die Trainer geben Anweisungen, Filmmusik gibt es in dieser Phase nicht.

Für die Kampfszenen wurden Bilder von 35mm-Kameras und HD-Kameras gemischt. Vielleicht trägt diese Vorgehensweise unterschwellig zu dem unmittelbaren Eindruck des Kampfes bei. Der normale Zuschauer wird aber kaum die verschiedenen Materialien auseinander halten können, da es keine sichtbaren Sprünge gibt.Nachdem diese ultra-realistische Live-Auflösung für die ersten zwei oder drei Runden benutzt wurde, folgt dann eine Montage-Sequenz, die in der Schnittfolge und den Bilder Rocky-untypisch ist. Schwarz -Weiss-Aufnahmen werden hier eingesprengt, Slow-Mos, teilweise monochromatische Aufnahmen, s/w mit eingefärbten Elementen, Rückblicke, Schläge, Blenden, Flashs. Das mutet im Zusammenspiel mit der Musik/Ton mitunter psychodelisch an. Ein 180 Grad Schwenk also stilistisch betrachtet. Immer wieder blutrot eingefärbte Bilder oder Elemente stechen ins Auge.

Und dann für den Höhepunkt wieder zurück zum Live-Event-Style. Denn natürlich will man wissen, ob es Rocky schaffen wird, ob er den Kampf übersteht, den Titel gewinnt und Weltmeister wird.

Das aber mag der geneigte Leser selbst im Kino herausfinden.

“Rocky Balboa” ist ein überraschender Film. Wer einen sinnlosen Actionklopper erwartet, wird enttäuscht. Die wenigen Frauen im Kino werden sicherlich etwas überrascht sein, daß so viel anderes geboten wurde. Trotzdem hätte man gerade die Problemhandlung etwas straffen könne. Der Endkampf hingegen ist im Kino (!) allerdings wirklich ein Knaller.
Vielleicht muß man den Film nicht gesehen haben – aber als Alternative zum dem derzeit sehr mageren Kinoprogramm ist er sicherlich zu empfehlen.