Memento

Memento (Memento)
USA 2000

Regie/Buch: Christopher Nolan; Produktion: Suzanne und Jennifer Todd; Kamera: Wally Pfister; Schnitt: Dody Dorn
Darsteller: Guy Pearce (Leonard Shelby), Joe Pantoliano (Teddy), Carie-Anne Moss (Natalie), Jorja Fox (Catherine)
Länge: 109 Minuten

Der totale Verlust des Kurzzeitgedächtnis führt dazu, daß Leonard Shelby nicht mehr weiß, was vor zehn Minuten geschehen ist, warum er etwas getan hat und was sein Anliegen war. Um dieser Tücke zu entgegnen macht er sich Notizen, Photos und Tätowierungen. Das ist auch bitter notwendig, denn er befindet sich auf der Suche nach dem Mörder seiner Frau, der für sein Trauma verantwortlich ist.

“Memento” beginnt mit dem Ende – Leonard erschießt Teddy.
Um auf den Film einzustimmen wird die Szene rückwärts abgespielt und so sieht man Teddy wieder auferstehen, die Kugel in den Lauf fliegen und Lenny die Waffe senken. Ein Schock – auch ein Schock, weil die Szene so gut funktioniert.
Diese Einleitung ist wichtig, denn der Film erzählt seine Geschichte verkehrt herum. Das heißt nicht, daß der Rest des Filmes nun auch rückwärts läuft, aber die einzelnen Szenen werden von hinten erzählt. Man sieht also immer kleine Schnipsel von Lennys Gedächtnis und bekommt damit ein Gefühl, wie verwirrend alles für ihn ist, denn es verwirrt einen selbst.

Warum hat er das getan ist die Frage, die sich langsam aufklärt, denn die Notizen auf seinen Bildern, die Tätowierungen auf Armen, Beinen und Brust deuten darauf hin, daß es Teddy war, der seine Frau umgebracht hat – die Frau, an die sich Lenny schon lange nicht mehr erinnern kann. Doch Lenny hat beschlossen, daß trotz jedem Verlust an Wahrheit, die Rache selbst wichtig ist, denn im Nachhinein stilisiert er seine Frau; Streitereien, Ängste, Trennungsgedanken, die es gegeben haben mag (was geschickt im unklaren gelassen wird) schiebt er beiseite.

Mit jeder weiteren “Rückblende” erfährt man mehr – aber auch die Personen ändern sich, nutzen Lennys Gedächtnisschwund aus, spielen mit ihm, verdrehen seine Wahrheit, die ja immer nur die des Augenblicks ist. Zwischen den einzelnen zahlreichen “Rückblenden” stehen in schwarz-weiss gehaltene Szenen von Lenny, die quasi den Anfang des Films erzählen und in gewohnter, nämlich zeitlich korrekter, Richtung ablaufen.

Diese verschachtelte Struktur erinnert teilweise an Sodenberghs “The Limey”, aber im Gegensatz zu letzterem Film, wirkt “Memento” nicht so gewollt stilisiert, affektiert künstlerisch und sinnlos wie “The Limey”. Eines haben die Filme aber doch gemeinsam: Hinter ihrem verschachtelten Aufbau steckt eine simple Geschichte. Durchblickt man dies bei Sodenberghs Film sehr schnell, so ist die filmische Erzählweise bei “Memento” nicht Selbstzweck, sondern Teil der Geschichte und trägt zum Verständnis der Gefühlswelt von Lenny bei. Und noch eine Gemeinsamkeit – beide Filme handeln von Rache.

Was an dem interessanten Konzept von “Memento” stört ist die Tatsache, daß Teddy als Täter sehr schnell feststeht und dann eine lange Strecke eintritt, in der es zwar einige Wendungen gibt, aber in der wenig passiert – zumal die Spannung hier sehr gering ist; weiß der Zuschauer ja, daß Teddy von Lenny erschossen wird.

Wie in jedem Film mit Krimi-, Psycho- oder Thrillerhandlung, gibt es auch hier eine Endpointe, die ja aufgrund der Struktur eigentlich der Anfang der Handlung ist, aber nur durch die umgekehrte Erzählweise zum Tragen kommt. Wenn beide Stränge, d.h. der rückwärts und der vorwärts erzählte zeitlich miteinander überein stimmen, dann schließt der Film auch damit, daß der selbe Ort am Anfang und am Ende stehen – ein klassisches Prinzip. Aber hier enttäuscht ”Memento” auch am meisten, denn die Pointe ist nur schwer verdaulich, wirkt unlogisch – oder wenigstens zwiespältig und aufgesetzt.

“Memento” ist ein interessantes Experiment, dessen geschniegelter Look man sich etwas dreckiger gewünscht hätte, etwas natürlicher und damit mehr zur Story passend. Die polierten Bilder, selbst in schwarz-weiss sind sie ohne Körnung, stehen dem zerstörten Ich von Lenny zu sehr entgegen.
Der Film ist über große Stellen unterhaltsam, hängt dann ein Stück weit durch und entläßt einen etwas unzufrieden. Bleibt nur noch anzumerken, daß Regisseur Nolan hier fast nur mit drei Darstellern arbeitet.

Info:
Die DVD verfügt über eine Bonus-DVD mit sinnlosen Extras, die man sich allesamt sparen kann – Drehbuch und Kurzgeschichte sind davon noch die interessantesten. Da aber die DVD ein sehr mühsames Lesemedium ist, wird dies kaum einer nutzen.