Matrix: Reloaded

Matrix: Reloaded (Matrix: Reloaded)
USA/AUSTR 2003

Regie/Buch: Larry Wachowski, Andy Wachowski; Produktion: Joel Siler; Kamera: Bill Pope; Musik: Don Davis; Schnitt: Zach Staenberg
Darsteller: Keanu Reeves (Neo), Carrie-Anne Moss (Trinity), Laurence Fishburg (Morpheus), Monica Bellucci (Persephone), Hugo Weaving (Agent Smith)
Länge: 136 Minuten Farbe

Die langerwartete Fortsetzung des Hits “Matrix” wurde gleich im Doppelpack mit dem dritten Teil (wie auch “Zurück in die Zukunft” und “Star War:Episode II und III”) produziert; mit enormen Kosten, die den Vorgänger bei weitem übersteigen.

Zum Inhalt läßt sich nicht viel sagen. Zion, die Bastion der befreiten Menschen, wird angegriffen und droht binnen kurzer Zeit zerstört zu werden. Morpheus setzt seine ganzen Hoffnungen in Neo, den Auserwählten und die Prophezeiung. Das Ende – ob es eine Rettung gibt, ob die Matrix besiegt wird – und ob der Auserwählte nicht selbst ein Mythos der Matrix ist, erfahren wir erst im nächsten Teil.

Ich muß vorausschicken, dass ich kein Fan des ersten Teils bin. Aber das Actionfeuerwerk am Ende und die Kung-Fu Szene in der Mitte haben mir immer gefallen und waren voller guter Ideen und Einfälle. Die Geschichte selbst mag philosophischer angelegt sein, als manch anderer Actionstreifen, ist aber weder neu (“Welt am Draht” (BRD 1973), “13Floor”, die Vorlage, auf der beide basieren von Daniel Galoulye, “Sie Leben”, “Dark City” und natürlich schon Platons Höhlengleichnis bzw. die Gedankenspiele einer Schein- und Egowelt, die bestimmt schon jeder einmal gemacht hat), noch in sich wirklich geschlossen – so gibt es genügend Paradoxe und Ungereimtheiten, die die eigene Filmlogik in Frage stellen.

“Matrix: Reloaded” sieht etwas anders aus, als der erste Teil. Zwar herrschen wieder Grüntöne in der Matrix vor, aber es wird nun sehr viel Zeit in der ´realen Welt´ verbracht, vor allem in Zion, das ein Konglomerat von Star Wars, Fabrikanlagen, arabischem Basar, bis hin zur Nautilus darstellt. Diese Ansammlung von Stilen passt inbetracht der Tatsache, daß der ganze Film nur eine Ansammlung von Stilen, Mythen, Namen und Legenden ist – die Messiasgeschichte, sowie die Namensgebung (von griechisch über biblisch bis modern) sind hier nur zu erwähnen; ist aber dann wieder unpassend, wenn man feststellen muß, daß hinter vielem kein Sinn und auch keine Logik steckt. So sehen die wallenden, leicht orientalischen Gewänder in Zion zwar nett aus und passen zum Messiasgedanken, sind aber in einer postmodernen, apokalyptischen Zukunft absolut unvorstellbar – wie, woher und warum, stellt sich die Frage – die Kleidung ist ja (wegen fehlender Hitze etc.) ganz unpassend und überhaupt nicht vorteilhaft für Krieger, Piloten und Arbeiter.
Auch die Outfits von Neo, Morpheus und Trinity in der Matrix tragen zu sehr den Stempel: gewollt cool, als daß sie es wirklich sind. Neo, mit seiner Mischung aus Priesterrock und Bruce Lee Kittel wirkt, unterstützt von der Reserviertheit und Tatenlosigkeit seines Charakters, darin zwar passend unnahbar (und etwas lächerlich), aber hier hätte der weiter unten diskutierte Unnahbarkeitsfehler der Drehbuchautoren, durch die Kleidung etwas kompensiert werden können. Ausserdem ist die Kleidung so auffällig konzipiert, daß man sich mit ihr in einer normalen Welt nicht unauffällig bewegen könnte.

Keanu Reeves als Neo ist kein Mensch. War er im ersten Teil ein Programmierer, der zu einer neuen Bestimmung fand, so ist er hier schon ein Übermensch mit Superkräften, ein Jesus-Ersatz ohne Botschaft, Charme und Charisma – und eben ohne Menschlichkeit. Neo bleibt blass – befolgt nur Befehle, Aufträge und Hinweise. Er selbst agiert nicht, scheint auch keinen eigenen Willen zu haben, keine Persönlichkeit; seine Heiligkeit ist so groß, dass einem übel wird. Mit ihm kann ich mich leider überhaupt nicht Identifizieren.

Ebensowenig mit seiner Supermanparodie, Unverwundbarkeit und Heiler-Qualitäten. Diese Talente wurden ihm anscheinend nur mitgegeben, damit er Kämpfe, Gefahren und Cliffhanger überlebt (und als Messias erkannt wird), sonst haben sie kaum eine Funktion, sind meist reiner Selbstzweck, der aber Film und Figur schwächt.

Filme mit Unverwundbaren haben immer Probleme – nämlich die Spannung. Da die Kämpfe nur interessant sein können, wenn auch ein schlechtes Ende möglich ist, so sind sie es nicht mehr, wenn diese Option ausgeschaltet wird – oder können nur durch reine Schauwerte Aufmerksamkeit erheischen. Ähnlich wie in “The Crow/Die Krähe” muß dieses Problem gelöst werden – Agent Smith kann ihn assimilieren – ganz tolle Bösewichter sogar anritzen, doch alle gucken in die Röhre, weil Neo ja einfach in die Luft düsen kann – und weg ist er.

Gleich am Anfang sieht man diese Superheldenfähigkeit und hofft nur: bitte nicht, lass dies ein Traum sein. Zumeist sieht es lächerlich aus und natürlich hat man das Gefühl, daß der Deus Ex Machina wieder zuschlägt, weil niemand etwas besseres eingefallen ist, außer daß unser Held mit Hilfe von Drähten und einer Green-Screen in die Luft steigt.

“Matrix: Reloaded” leidet arg unter seiner fehlenden Geschichte – versucht dies aber geschickt zu verbergen. Am Anfang steht wieder der gewohnte amerikanische BANG! Eine Actionszene, bei der Trinity stibrt und die sich als Traum herausstellt. Diese wird nun zum quasi-Höhepunkt dieses Teiles umfunktioniert und trägt die eigentliche Geschichte – denn wie bei vielen Silver -Filmen (“Armageddon” etc.) wiederholt sich das Ereignis, das zu Beginn ins Unglück führte, am Ende und muß dort positiv gelöst werden. So ist es nicht verwunderlich, daß die Zion-Rettung ins Hintertreffen gerät.

Trotzdem wirkt der ganze Film arg gedehnt, denn in vielen Szenen verquatschen sich die Figuren einfach, andere sind unnötig (z.B. die Geschichte des Operators ihres Schiffes), Zion selbst besitzt kaum wichtige Sequenzen – die Tanz- und Liebesszene (mit einer überaus schlecht nachsynchronisierten Rede von Morpheus eingeführt) ist eine reine Effekt- und Schaunummer – ohne Sinn und Verstand und kann selbst als Blade-Imitation nicht überzeugen.

Es bleibt, daß eine einfache Story, die man ohne weiteres auch in einem Film erzählen könnte, auf zwei lange Filme gestreckt wird, denn schließlich geht es nur darum die Stadt zu retten. Der zwangsweise offene Schluß mit der Trinity -Story als Höhepunkt – läßt ein etwa schales Gefühl in einem zurück.

Die Verwicklungen, durch die die Figuren gehen müssen führen sie zu neuen Leuten in der Matrix – dem Merowinger, den Zwillingsprogrammen, dem Schlüsselmacher. Dabei offenbart sich wieder die schicke-und-befolge-Story: Neo muß zum Orakel. Er bekommt die Botschaft, daß man ihn erwartet, kämpft kurz einen Testfight gegen Seraph (ein Asiate, der den Namen eines kämpferischen Engels trägt), kommt zum Orakel, bekommt dort den Hinweis, zum Merowinger zu gehen, geht zum Merowinger, dessen Frau ihm, gegen einen leidenschaftlichen Kuss (!!!!! – tolle, schwere Aufgabe – kann garantiert nur der Auserwählte!!!), das Geheimnis ihres Mannes verrät und einen dessen Leute umnietet.

“Matrix: Reloaded” muß man nicht gesehen haben. Selbst die Action ist nur flau und wirkt eher wie ein Aufguss des ersten Teils; Kicks, Moves, Camera-Angles und Flüge werden sogar teilweise kopiert und sorgen für einen Wiedererkennungseffekt, ohne aber eine eigene neue Dynamik zu kreieren. Reine Schauwerte wie Schnelligkeit, Masse, Explosionen und Effekte dominieren. Viele der Matrix-typischen Slow-Mo-Effekte scheinen ohne Gefühl eingebaut. Besonders enttäuschend ist der Kampf auf der Autobahn, der mit viel Aufwand (eigener Freeway-Nachbau) gedreht wurde. Die Szenen auf dem Laster sind anscheinend nicht besonders schick zu filmen und entpuppen sich allzu oft nur als die gute, alte Green- oder Bluescreen-Nummer.

Eine große Enttäuschung für viele Fans wird die sicher nicht angestrebte Entmythologisierung und Entstilisierung vieler Figuren und Orte sein. Durch die Einführung von Zion, einer ganzen Flotte, einem Oberkommandierenden und dem Senat (natürlich voll basisdemokratisch), verlieren Orte und Leute aus dem ersten Teil komplett an Bedeutung – und passen auch nicht in das neue Gesamtbild. Unter anderem ist Morpheus somit nicht mehr DER Einzelkämpfer und Befreier, sondern ein Kapitän von vielen und sein Schiff nur eines aus einem Verband.

Für alle Fans der Reihe ist der Film natürlich ein Muß, obwohl sie sicher enttäuscht werden; für den normalen Kinogänger gibt es zwar lineare Unterhaltung, aber durch den Episodencharakter, die trotzdem lange Laufzeit und Matrix-internes Bla-Bla ist der Film wenig zufrieden stellend.