Kinski: Erlöser

Kinski: Jesus Christ Erlöser (Kinski: Jesus Christus Erlöser)
BRD 1971/2008

Regie: Peter Greyer; Musik: Florian Käppler, Daniel Requardt; Schnitt: Peter Geyer, Konrad Bohley, Michael Dreher;
Darsteller: Klaus Kinski
Länge: 84 Minuten, Farbe

“Gesucht wird: Jesus Christus…”
Klaus Kinski will den 5.000 Menschen in der Berliner Deutschlandhalle an diesem Abend das Leben Jesus Christus nahe bringen.
Zwischenrufe, Provokationen, kurz nach Beginn kommt jemand auf die Bühne, der sofort klar stellt, daß Kinski nicht die wahre Geschichte erzählt – und Kinksi jagt ihn mit einem seiner berüchtigten Wutausbrüche von der Bühne und brüllt ihm “Du dumme Sau!” hinterher.

Vielleicht haben es die meisten Leute ja genau darauf abgesehen, sich den Egomanen als Zielscheibe gesetzt. Vielleicht kommen einige auch nur, um diese unbändige Wut zu erleben für die er bekannt war. Kinski steht alleine im Saal. Scheinwerfer erhellen den kleinen Fleck auf der Bühne. Nur mit einem Mikrofon spricht er seinen Text, spielt nicht, spricht nur, was er sich zu der Geschichte um den Erlöser für Gedanken gemacht hat und tut dies teilweise mit bewundernswerter Stoik.

Nach der ersten Unterbrechung setzt Kinski wieder an: “Gesucht wird: Jesus Christus…”. Eine Phrase, die noch öfter am Abend zu hören sein wird, denn es bleibt nicht der letzte Versuch. Und immer beginnt Kinski von neuem, will daß man alles in einem Fluss hört, will die Zuschauer begeistern und aufrütteln, zeigt daß er ein bewundernswerter Rezitator und Memorator ist, denn er zitiert bei jedem Neubeginn den gleichen Text.

Kinskis Version des Messias ist bewundernswert modern und kommt sicher dem wahren Christus näher als das stilisierte Kirchenbild das heute immer noch in Verbreitung ist. Kinski hat tatsächlich etwas zu sagen mit seinem Stück. Doch an diesem Abend will das niemand wissen. Teilweise nicht zu unrecht, denn Kinski steht mit dem, was er predigt manchmal diametral entgegen.
Nach erneutem Ansetzen kann er sprechen, doch nach 30 Minuten weitere Störungen, später Abbruch, Polizei, Besprechung, Saalräumung und Kinski, der sich nicht unterkriegen lässt, spricht am Ende vor einer kleinen handvoll Leute, fast schon wie Jesus zu seinen Jüngern – den ganzen Text wieder von vorne, sichtlich erschöpft und mit wenig Emotionen, aber bis zum Ende.

“Jesus Christus Erlöser” ist kein Film im eigentliche Sinne. Es ist ein Zeitdokument das einem erlaubt einen Abend mit dem Ausnahmekünstler zu verbringen. Das ist der eigentliche Verdienst des Films. Nachlassverwalter und Regisseur Greyer zollt genau dieser Aufgabe Respekt. Keine Schnitthektik, die durchaus eher unspektakuläre und zeitweise eher amateurhafte Kameraarbeit tritt zurück, um Kinski lebendig zu machen. Selbst wenn er mal nur als kleiner Punkt in einer Totale zu sehen ist wird ausgeharrt. So hat der Auftritt auf die Zuschauer gewirkt, das ist ebenso eine wichtige Botschaft, denn man kann nachvollziehen, daß damals manch einer sicher mehr erhofft hat, als nur ein Mann, ein Mikrofon, eine Bühne, keine Bewegung, kein Theater.

Der Abend in Berlin ist legendär geworden. Kinskis Autobiographie “Ich brauche Liebe” nimmt immer wieder Bezug darauf. Jetzt endlich kann man auch sehen, kann nachempfinden.

“Gesucht wird: Jesus Christus…” – tönt es ein letztes Mal, wenn Kinksi vor den letzten verbliebenden Zuschauern in trauter Runde endlich lange nach erwartetem Ende, nach Tumult, Beleidigungen, Leute von der Bühne werfen, Kinski als Faschist verschreien – sein Stück zu Ende bringt. Die geplante Tournee ist damit ins Wasser gefallen. Ein Stück lebendiger deutscher Theatergeschichte bleibt.