Kill Bill Vol. 01

Kill Bill Vol. 1 (Kill Bill: Vol. 1)
USA 2003

Regie & Buch: Quentin Tarantino; Kamera: Robert Richardson; Musik: RZA; Schnitt: Sally Menke
Darsteller: Uma Thurman (Braut/Black Mamba), David Carradine (Bill), Vernita Green (Copperhead), Daryl Hannah (Elle Driver), Lucy Liu (O-Ren Ishi), Michael Madsen (Budd), Michael Parks (Sheriff)
Länge: 111 Minuten, Farbe/Schwarz-Weiss

Die schwangere Braut, ein Killer von Bills Organisation, wird an ihrem Hochzeitstag inklusive aller Gäste erschossen. Aber sie überlebt im Koma liegend. Nach vier Jahren erwacht sie und kennt nur noch Rache. Nachdem sie in der ersten Szene eine der fünf Todeskandidaten ausgeschaltet hat, reist sie nach Japan, um sich von einem alten Meister ein Schwert machen zu lassen. Dies setzt sie nun gegen O-Ren Ishi und ihre Yakuza-Organisation ein. Am Ende stehen nur noch drei Namen auf ihrer Liste.

Diese Inhaltsangabe ist keine Zusammenfassung, sondern Szene für Szene der Inhalt. Mehr passiert nicht im ersten Teil der zweiteiligen Rachegeschichte, die Tarantino durch die von ihm gewohnten Zeitsprünge interessanter zu gestalten versucht.
Da aber die Geschichte dadurch nicht größer oder tiefer wird, wiederholt er sich ständig in Bezug auf Daten, Figuren und Bildern. Zahlreiche Zwischentitel suggerieren, wie durchkomponiert und gestyled alles ist.

Leider ist dies reiner Selbstzweck und pure Sinnlosigkeit, die den Film aufgesetzt künstlerisch wertvoll machen soll. Wird er aber dadurch nicht, denn unübersehbar bietet Tarantino immer weniger als die immer wieder zitierte B-Film-Unterhaltung.

“Der vierte Film von Quentin Tarantino” ist der Werbeslogan und steht auch als Titel vor dem Film, da der Mann anscheinend gerne seinen Namen liest. Da hat der Mann doch nach sechs Jahren Denk- und Kreativpause nichts anderes heraus gebracht, als einen überproduzierten, simplen und unfertig anmutenden Film.

Gleich zu Beginn macht es ´Boom´ und die Braut attackiert eine der damaligen Täter, genannt Copperhead. Da nichts eingeführt wurde und die Beziehung zu ihrem Charakter auch nicht aufgebaut wurde, ist es dem Zuschauer relativ egal, ob sie, die andere oder wer auch immer getötet wird. Die Actionszene hat also keine Spannung und somit die aus den Hongkong-Filmen von John Woo entnommen Patt-Situation (wie bei der blinden Frau in “The Killer”, die die beiden Kontrahenten nicht verletzen wollen) mit der Ankunft von Copperheads Tochter ebensowenig.

Die Braut, genannt ´Black Mamba´, will nicht, daß sie den Tod ihrer Mutter mit ansieht und so reden sie miteinander einen miesen bla-bla Dialog, der darin endet, daß Copperhead eine Waffe zieht, aus maximal 3 Metern Entfernung daneben schießt (tolle Profikillerin!) und die Braut sie erledigt. Die Tochter sieht dies und Black Mamba sagt, sie wird einmal auf sie warten, wenn sie Rache will. Hier triefen die Wände von Pathos und aufgesetzter Coolness.

Insgesamt sind es auch größtenteils die monströsen Dialoge, die ziemlich in die Hose gehen. Alle sind von der Qualität schlechterer Schundliteratur und offenbaren eigentlich, daß Tarantino sein Pulver mit den ersten, immer gleichen Storys schon längst verschossen hat (Reservoir Dogs war
z.B. ein 1-zu-1 Abklatsch des Hongkong Films “City on Fire/Cover Hard2”; die Scripts oder Stories zu “True Romance”, “From Dusk Till Dawn” und “Natural Born Killers” ähneln sich im Kern und in den Personen).
Zudem wirken viele Dinge plakativ und unnötig, wenn z.B. die gerade erwachte Braut sich immer wieder das Wackel-Mit-Dem-Großen-Zeh-Mantra vorbetet. Tarantino verläßt sich hier auf nichts, muß es aussprechen, obwohl Kamera und Szene es für jeden Zuschauer klar machen, was die Braut hier will – nämlich ihre Füße bewegen. Der unrealistische Monolog ist ein Mittel der Not – und nimmt der Szene jede Wirkung, da der Zuschauer nichts mehr selbst Fühlen muß.

Außerdem ist vieles offensichtlich unrealistisch (nach dem Koma und zig Einblendungen, daß dies nun vier Jahre her ist, wacht sie auf und sagt, “Vier Jahre”, als ob sie innerlich mitgezählt und Striche gemacht hätte) und schlecht charakterisiert (die Japaner in der Bar sind eigentlich Schwertmeister und Schmiede, reden aber zu anfangs so miteinander, als ob sie einfache Bauern wären, nur um des Gags willen; später sprechen sie philosophisch-moralisch).

Tarantino versucht die trivialen Dialoge dadurch zu übertönen und zu rechtfertigen, indem er immer wieder auf die Filme der Shaw-Brothers, Sergio Leone oder Bruce Lee verweist, ebenso auf Pop-, Trivial- und Unterhaltungskultur im Allgemeinen und sich als Rezitator sieht. Doch so stupide waren die zitierten Beispiele nie.

Über 90 Minuten liefert Tarantino ein Versatzstück verschiedener Genres ab und braucht insgesamt über drei Stunden, um eine äußerst simple Rachegeschichte zu erzählen. Aufgemotzt wird das Ganze mit einem endlos langen Showdown. Die Geschichte selbst ist nämlich auch schon nach zwei-dritteln zu Ende und was folgt ist nur noch Action.

Drehbuchtechnisch versucht er die Simpelstruktur durch zahlreiche unrelevante, aber auf cool getrimmte Gespräche zu verschleiern. So streiten sich in Okinawa die beiden Inhaber eines traditionellen Restaurants um die Aufgabenverteilung. Aber auch menschliche Abgründe sollen aufzeigen, wie tief alles geht und dabei sind sie so extrem oberflächlich eingefügt und periodisch auftauchend, daß man darüber nur weinen kann.
Der Sheriff entpuppt sich, genauso wie der Pfleger im Krankenhaus, als fluchender, vulgärer Wüstling; überall tun sich Abgründe auf, die weder motiviert, noch seelisch ausgelotet werden, sondern die Tarantino selbstzweckhaft aufgrund der schwachen Story, der fehlenden Plotpunkte und seines zynischen Menschenbildes verwendet.

Desweiteren wird durch Seitenstories die Geschichte weiter künstlich gestreckt. In einer sinnlos-unpassenden Animé-Sequenz kommt O-Ren Ishis Werdegang zum Tragen, der später in real weiter erzählt wird. Dieser Wechsel ist typisch für die Unausgegorenheit des ganzen Films. Man kann nur hoffen, daß diese retardierenden Momente nicht bei den restlichen Personen auf der Liste erfolgen. Sicher, die Figur wird dadurch plastischer und etwas tiefer, aber genau an der falschen Stelle. Uma´s Charakter müßte ausgelotet werden. Sie ist die Hauptperson, und daß ich mehr mit Ishi mitfühle, da ich sie besser kenne (und sie natürlich auch, wie alle, eine absolut tiefe und harte Vergangenheit hat), ist nicht gerade empfehlenswert für den weiteren Verlauf des Films und dessen Aufbau.
Uma bleibt so blas, wie keine andere Figur; sie ist ein einziges Stehaufmännchen, das nur auf der Suche nach Rache ist – keine Selbstzweifel, keine Konflikte, nichts lotet sie aus – und sie ist nur für die Action zuständig, obwohl sie als Kämpferin nicht unbedingt die beste Figur macht, was man aufgrund der schnellen Schnitte sicher nicht immer realisiert.
Die Braut hat gelitten und deswegen stehen wir das Recht zu sich zu rächen – das reicht leider nicht wirklich für eine Hauptperson, dafür hat sie zu wenig Profil, zu wenig Eigenleben – und vor allem wird der Racheplot in seiner Simpelform hier nicht gerade neu erfunden.

Überhaupt weiß man nicht so recht etwas mit ihr anzufangen. Sie ist so schlampig eingeführt, daß mir ihr Schicksal eigentlich egal ist. Dazu kommt, daß sie nicht tot zu kriegen ist. Zu Anfang kriegt sie eine Kugel in den Kopf, dann wird das Giftspritzenkommande zurück gepfiffen. Profikillerin Copperhead schießt, trotz Überraschung und kurzer Distanz, daneben und O-Ren Ishi wird von ihr relativ unspektakulär trotz extremer Schwächung und vielen vorherigen Wunden getötet. Der Deus Ex Machina ist allgegenwärtig.
Gut, der Film ist trivial, aber so extrem muß es nicht sein.

Insgesamt mutet das eher als Kindheitstraum eines Filmfans an, als als das Werk eines mündigen Regisseurs. Dagegen wäre nichts einzuwenden, wenn er ein Eigenleben entwickeln würde und, außer den Gewaltszenen, mehr für Erwachsene bieten würde. So gesehen bleibt nämlich wenig übrig und das Zielpublikum, das über die Sprüche und Szenen lacht, scheint eher in Richtung Pubertät zu liegen.

Doch denen sollte man den Film vielleicht nicht zeigen; da geht es gar nicht um die Gewalt, die ja erst in den Kämpfen in der zweiten Hälfte zu tragen kommt, denn diese ist extrem überzeichnet und wirkt so lächerlich mit den meterhoch spritzenden Fontänen, die minutenlang blubbern, daß man nicht wirklich von gewalttätig sprechen kann. Das Gezeigte ist Gewalt, die Art der Darstellung aber schließt jede Realität aus und bleibt damit lange hinter vielen weniger expliziten Filmen zurück. Zudem ist die gezeigte Gewalt nichts mehr als billiger Showeffekt und läßt damit den Zuschauer emotional kalt (anders als z.B. bei “The Wild Bunch” von Sam Peckinpah).
Als O-Rens Eltern getötet werden, entfährt der Animé-Figur, die sich versteckt hat, ein ´whimper´ – also ´schluchz´ und später kullern die Tränen wie bei Pokémon. Diese Verniedlichung der Gewalt zum Zwecke eines schlechten und aufgesetzten Gags zeigt, wie wenig integer doch Tarantino als Filmemacher ist.

Einen Pluspunkt hat sich Tarantino freilich durch die Verpflichtung von Oliver Stones früherem Kameramann Robert Richardson (Natural Born Killers, U-Turn) geholt. Technisch sauber photographiert er dieser Film stilsicher und mit seinen typischen Merkmalen. Ein etwas softeres Bild, bei denen die Kontraste nicht ganz so hart sind und leichte Spitzen bei den Konturen, d.h. eine kleine Überbelichtung an den ganz hellen Stellen, was zu einem gewissen Glanzeffekt führt, zählen dazu.
Doch leider ist Tarantino kein visueller Regisseur und so bleibt Richardson unter seinen Möglichkeiten. Keiner spielt so genial wie er mit Materialien, Farben und Perspektiven. Schade um diese vertane Möglichkeit.

Kommen wir noch zu den Sprüngen in den Stilmitteln. Die Manga-Sequenz mag dadurch motiviert sein, daß O-Ren in Japan lebt, trotzdem ist sie genauso ein Bruch, wie die ständigen schwarzen Zwischentitel und Off-Kommentare. Am stärksten wird der wahllose Umgang in der Kampfszene gegen die 88 deutlich, als plötzlich auf Schwarz-Weiss umgeschalten wird, nur um dann, am Ende, wieder auf Farbe zu wechseln. Die einzige sinnvolle Erklärung ist, daß die Blutfontänen nicht so zur Geltung kommen und der Film der Zensur entgehen kann – aber möglicherweise haben auch nur Leute bei der Probeaufführung gelacht, weil alles so übertrieben gestaltet ist.

Das brutalste am Film ist auch nicht unbedingt das Bild, sondern die Tonspur, die alles sehr plastisch und wirksam verdeutlicht. Ein weiterer Punkt ist nette Auswahl des Soundtracks, was über lange Zeit ein Lichtblick des Filmes ist.

Der Film ist trotz aller negativen Punkte sicherlich ansehbar, aber kein Film, den man empfehlen könnte. Er ist meilenweit entfernt von allem genial-grandios-Geschreie und unterhält einzig aufgrund der Action und der Figur von O-Ren und ihren Leuten, die nach typisch asiatischer Filmart, jeder eigene kleine individuelle Eigenschaften haben, die die Kürze ihres Auftritts größer und interessanter machen.
Die zweite Hälfte, ab der Ankunft in Japan, ist auch eindeutig die bessere, weil kurzweiligere und stimmigere (wird nicht mehr durch sinnentleerte Rückblicke unterbrochen).
Hier gibt es natürlich kaum noch Dialog, sondern nur noch Action und die Vorbereitung darauf. Die Kampfszenen selbst sind schnell geschnitten und ziehen ihr ganzes Gehalt aus diesem Fakt und daraus, daß viel zu Bruch geht und roter Saft fließt. Die Kämpfe an sich sind kurz und wirr und reichen lange nicht an die Klasse von “Matrix” oder “Blade” heran, geschweige denn “Hero” oder andere Hong-Kong Filme.