RUSSIAN ARK

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Delphi Filmverleih

Ein Film, 96 Minuten, keine Schnitte, sondern ein über einen Kilometer langes Travelling durch die Eremitage in St. Petersburg.

Russian Ark, so der Name des neusten Film des Russen Alexander Sokurov, ist ein gewagtes Experiment, denn hier gibt es keinen Schnitt, auch keinen unsichtbaren, der Film ist quasi immer im Director´s Cut zu sehen.
Der deutsche Kameramann Tilman Büttner (“Lola rennt”), bewegt sich mit seiner digitalen Steadycam durch die Räume des St. Petersburger Museums und Sokurov läßt über 300 Jahre russische Geschichte Revue passieren. Einen nachvollziehbaren Inhalt gibt es nicht, auch keine zeitlich fixierbare Struktur.
Der Marquis de Custine (Sergej Dreiden) führt durch die Räume und begegnet dabei Katharina der Grossen ebenso wie modernen Besuchern oder dem letzten Zaren. Ihm folgt dabei immer die Kamera, die Regisseur Sokurovs Alter Ego zu sein scheint, denn er spricht aus dem Off zu seinem Gegenüber oder in Gedanken zu dem Zuschauer.
Trotzdem ist die Kamera weder subjektiv, noch sind die beiden Gestalten allen Leuten sichtbar. Das trägt natürlich etwas zur Desorientierung bei und ist nicht ganz konsequent, aber diese Zeitreise versucht ja auch nicht linear zu erzählen, sondern mutet eher wie ein Essay über Russland, dessen Geschichte und dessen Kunst an.

Das interessanteste bei diesem Film ist deshalb nicht der Inhalt, sondern die Form. Mit einer digitalen Kamera, der Sony HDW-F900, war es möglich, mit Hilfe mobiler Stromversorgung und Festplattenaufrüstung, die volle Länge des Films in einem Take in Spielfilmqualität zu drehen.
Dabei vollbringt Tilmann Büttner eine wahre Leistung, denn er schafft es tatsächlich über 90 Minuten mit der Steadycam einen enormen Weg zurück zu legen und immer noch bildgenau zu arbeiten, was die Kadrierung betrifft. Ebenso sicher müssen seine Assistenten gearbeitet haben, denn die Schärfe läuft nur für sehr technische Augen an seltenen Fällen aus dem Bild. Ein gelungenes Experiment also, denn aufgrund des Konzepts kann man mißglückte Aufnahmen natürlich nicht so einfach wiederholen.

An die tausend Statisten spielen bei dem Film mit; große Ballszenen, Paraden und ähnliches, zeigen dass auch die Koordination aller Abläufe nicht leicht gewesen war - kein Statist, kein Schauspieler kann sich hier Patzer leisten, was vor allem bei Sergej Dreiden bewundernswert ist, der elegant durch den Großteil des Filmes führt.
Dass es auch Kamerablicke von Statisten gibt, dass manche Kleindarstellerrolle nicht überzeugt, das alles ist mehr als entschuldbar, zeigt aber auch die Schwächen einer solchen Arbeitsweise.
Drei Anläufe hat es angeblich gebraucht, bis der Film im Kasten wahr - aber nur einen Drehtag, für den das Museum gesperrt war. Unvorstellbar, wenn man an die Produktionszeit normaler Filme denkt - dafür war hier vehemente Vorarbeit und Organisation zu leisten.

Was die technische und filmische Seite etwas trübt, ist die schon erwähnte Unklarheit über den Zusammenhang zwischen Erzähler und Kamera, die manchmal eins, manchmal aber auch uneins scheinen.
Schade ist es auch, dass Büttner den Zoom einsetzt, um Bilder richtig zu kadrieren oder neue Ausschnitte zu finden. Das zerstört irgendwie das Konzept und das Auge des Zuschauers, das hier nun einmal durch die Kamera repräsentiert wird, fühlt sich gestört, denn ein Zoom ist eben nicht natürlich, denn es entspricht nicht der Fähigkeit des menschlichen Auges. Von der technisch-bildlichen Seite ist das Vorgehen hingegen verständlich - hier steht die richtige Kadrierung im Vordergrund.

“Russian Ark” ist ein gelungenes Experiment - aber es ist auch nur ein Experiment - als Film betrachtet ist er schwieriger, zäher, langatmiger. Die fehlende Geschichte kann nur Russlandliebhaber oder Kunst- und Bilderfans entschädigen, denn davon gibt es reichlich während der 90 Minuten. Alle anderen werden Staunen und nach dem Kinobesuch eine leichte Schwerelosigkeit (durch die schwebende Kamera) empfinden, aber keinen neuen, wahren und wirklich sehenswerten Film erlebt haben, dafür ist er zu sehr Essay, zu unbestimmt, zu abrupt in Anfang und Ende.

 

 

 

 

Fazit

Experimentalkino für Kunstliebhaber.
Gepflegte Langeweile.

 

 

 

 

 

 

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