DIGITALE SPIELFILME

Der Einsatz von Video anstelle Zelluloidfilm ist gar nicht so jung, wie man machnmal glaubt. Schon die Mondlandung 1969 wurde mit Videokameras übertragen und aufgezeichnet. Aber auch der Eichmann-Prozess 1961-1962 in Israel wurde auf 350 Stunden schwarz-weiss Video festgehalten, woraus 1998 die grandiose zweistündige Dokumentation “Ein Spezialist” entstandt. Doch die Herkunft von Video war hier klar auf Dokumentationen und Berichte beschränkt, die eine große Menge an Material verbrauchen, keine Unterbrechung zum Wechseln des Films dulden oder einfach aufgrund des Datenweges unmöglich waren.

In den folgenden Jahren, speziell in den 80ern, wurde mit dem Gebrauch von Video innerhalb von Spielfilmen experimentiert - meist ohne großen Erfolg. Erst in den 90er Jahren kam mit dfest1er DV-Technologie der vermehrte Einsatz der digitalen Bilderzeugung zum tragen.

Im Zuge von “Dogma 95” wagte sich Thomas Vintenberg erstmals 1997 mit dem preisgekrönten Film “Das Fest” in die Gefilde des mini-DV Formates. Mit einer Sony PC7 gedreht und später auf 35mm aufgeblasen muten die Bilder zwar etwas verwaschen an, aber wirken im Film stimmig. Durch die gute Kameraarbeit und athmosphäre Beleuchtung erinnert der Look eher an ausgewaschenes 16mm, das auf Video herunterkopiert und dann auf 35mm aufgeblasen wurde.


IdiotenA1998 drehte Regisseur Lars von Trier mit einer Sony VX-1000 und sich selbst als Kameramann den Dogma-Film “Idioten”. Zuvor hatte er bei unzähligen Projekten Video eingesetzt, wobei er hier oft das 35 oder 16mm-Material projezieren ließ, um es mit Video abzufilmen, und damit eine etwas rauhere Qualität zu erzeugen.

dancerWährend “Idioten” auch optisch wenig brilliert und mit den kleinen Objektiven der Kamera kämpft, wirkt sein 2000 gedrehter Film “Dancer in the Dark” viel edler, fimnäher und aufwändiger. Der Einsatz neuerer Kameras (Sony PD-150), obwohl oft auch Consumer-Modelle benutzt wurden, läßt den Unterschied zwar nie verschwinden, aber nähert sich langsam an. “Nachteile sehe ich keine.”, erklärte er in einem Interview, “Dancer in the Dark” wurde auf Video gedreht und im Panavisionformat. Die

Filmkopien, die wir davon gezogen haben, sehen wunderschön aus! Ja, zum Teufel! Die Bilder sehen sehr filmisch aus, obwohl man weiß, daß sie von Video stammen. Die Qualität ist saugut! In ein paar Jahren werden bestimmt die meisten Filme auf Video gedreht, und schon jetzt lassen sich einige Möglichkeiten erahnen, die diese Technik bietet.”

Einen filmreiferen Look bekommen diese Produktionen natürlich auch durch das Fazen, also das nachträgliche Aufzeichnen auf 35mm Film - ein Verfahren, das aber für No-Budget Produktionen eindeutig zu teuer ist.
Das Substituieren des Films durch Video war hierbei dem Regisseur nicht primär wichtig. Lars von Trier setzt das Videobild nicht als technische Pionierarbeit ein, sondern er versucht dadurch in seinen letzten Filmen ´realer´ zu wirken. Sichtbar wird dies auch im Schnitt, der stellenweise absichtlich ´springt´ , also mit jump-cuts und ´Fehlern´ belastet ist - einzig zum Zweck, das gezeigte als wirkliche Lebenssituation darzustellen und das stilisierende und künstliche des Zelluloidfilms zu umgehen.

paradiseÄhnliche Wege ging Danny Boyle, als er 2001 für die BBC den sehenswerten Film “Vacuuming Completely Nude in Paradise” auf Video drehte. Vor kurzem war er mit “28 Tage spter” im Kino zu sehen, der auf der Canon DM-XL1 entstand, die durch einen PS-35mm Adapter in der Lage war, 35mm Objektive zu benutzen. Dadurch wird natürlich die Kamera weitwinkler und vor allem nehmen die Schärfenebenen zu - eines der markantesten Merkmale der Zelluloidtechnik.
Der Look reicht aber lange nicht an die Schärfe, den Kontrast und die edlen Farben von Film heran, wirkt bei seinem Endzeitdrama und “Vacuuming” fast schon dokumentarisch und dadurch ´realer´ und bedrückender.

Eine ganz andere Basis hat George Lucas, der seine neue Star Wars Triologiegrößtenteils auf der Sony HDWF900-24p gedreht hat, um sich damit Freiheiten im Schnitt und bei der aufwändigen Effektbearbeitung zu verschaffen. Diese eher technische Konzeption geht natürlich auch dahin, daß mit allen Mitteln versucht wird, dem Zuschauer den Unterschied zwischem 35mm Film und Digitalkamera vergessen zu machen. Lucas hat die Technik so weit vorangetrieben, daß ihm dies auch gelungen ist. Allerdings wirken die Episode-Filme noch sehr steril - sicherlich auch bedingt durch die ständige Blue-/Green-Screen-Technik, die Lucas einsetzt.

Mit der gleichen Kamera wurde 2002 das experimentelle “Russian Ark” gedreht - aber ohne Cassetten, sondern mit einer aufgetuneten Festplatte, die es möglich machte, 90 Minuten Videofilm ohne Qualitätsverlust aufzuzeichnen. Das war deswegen nötig, weil der Film ohne Schnitte gedreht ist und nur aus einem 1,4 Kilometer langen Travelling besteht. Da hier nicht primär mit Blue oder Green Screen gearbeitet wurde, entfällt die Künstlichkeit der neuen Star Wars Filme.

Gleiche Kamera, trotzdem künstlich ist “Vidocq” aus dem Jahre 2001. Extreme Nahaufnahmen und Blickwinkel tragen hier zusammen mit stark nachbearbeiteten Bildern zu einem ungesund aussehenden Gesamteindruck bei,
der trotzdem erstaunlich nah am Lichtbildfilm ist.

 

 

 

© 2002-2011 brand-X films - Wir übernehmen keine Haftung für Links und deren Inhalt
Alle Beiträge unterliegen den geltenden Urheberrechtsbestimmungen und sind Eigentum der brand-X films®